Zu kurz gedacht?

Trent Reznor scheint enttäuscht - zumindest, wenn ich einschlägige Kommentare zur Veröffentlichung der Downloadzahlen des Saul Williams-Albums “The Inevitable Rise And Liberation Of Niggy Tardust” lese. Allerdings finde ich, da wird einfach nicht weitergedacht…

Schau ich mir nur die nackten (veröffentlichten) Zahlen an, dann wirken die auf mich alles andere als negativ. 18,3% der Fans oder auch 28.322 Menschen bezahlten fünf US-Dollar, um das Album als hochwertigen MP3- oder verlustfreien FLAC-Download zu bekommen. Und für viele Schreiber war scheinbar an der Stelle das Glas halbleer…

Doch stell ich die 33.897 verkauften Einheiten des 2005 erschienenen Albums des Künstler dagegen, dann sind absolut gesehen grad mal rund 5000 Alben weniger verkauft worden. Allerdings dürften sich dort die Einnahmen nach Abzug aller Vertriebs- und Labelkosten auf ca. 1 Dollar pro Einheit bewegt haben. Und nun frag ich - das soll schlecht sein?

Natürlich berücksichtigt dies nicht, daß ja auch für das neue Album Kosten für “…ein erstklassiges Team samt Studio, …die Musiker, einen alten Verlagsvertrag, Sample-Freigaben und die Übertragungskosten…” angefallen sind. Leider werden die nicht konkret beziffert, aber ein reines Nullsummenspiel wird es am Ende nicht gewesen sein. Vor allem nicht, da meines Erachtens Rap eh auf einem absteigenden Ast sitzt und viele mit dieser Art von Musik einfach nichts anfangen können.

Und eben erstmal den kostenfreien Download nutzten, um zu schauen, was ihr Held Trent Reznor denn da produziert hat. Und das waren dann nochmal rund 130.000 interessierte Menschen. Und jetzt möge mir einer doch erzählen, daß von diesen nicht der Eine oder die Andere erst durch diesen Download überhaupt auf Saul Williams aufmerksam wurde und sich jetzt nach anderen Möglichkeiten umschaut, für ihn Geld loszuwerden.

Daraus zu schlußfolgern, daß dies kein Konzept auch für eher unbekannte Bands wäre, finde ich zu kurz gedacht, an der Wirklichkeit vorbei und typisch für eine BWL-gequälte Gesellschaft. Ich würde es langfristig als gelungen betrachten und trink dann das halbvolle Glas noch mit aus.

Mehr dazu unter anderem bei laut.de

Ähnlichkeiten mit anderen existierenden Artikeln sind rein zufällig:
Bin gespannt, obs klappt… | Stimme des Volkes | Prinzenrolle rückwärts | Experiment gelungen - Labels tot? | Verdammt | [avoid the debris] EP zum Download | The Search ‘Saturnine Songs’ | Radiotaugliche Musik? | The Boxer Rebellion: Exits | Sperrfrist |

4 Meinungen ↓

#1 Jeriko am 06.01.2008 gegen 20:04

Oh, aber selbstverständlich ist das ein Problem für unbekannte Bands. Du hast es doch selber geschrieben, “ihr Held Trent Reznor” - ich denke nur den wenigsten dürfte Saul Williams überhaupt ein Begriff gewesen sein und die meisten sind wohl erst über den NIN-Frontmann darauf gestoßen (mich eingeschlossen). Und solange nicht im Vorfeld ein gewisser Grad an Bekanntheit vorhanden ist - sei es durch “Paten” a la Trent Reznor oder durch eigene Berühmtheit a la Radiohead, dann lässt sich ein solch finanziell riskantes Modell kaum vertreten.

Alles immer unter der Prämisse, man möchte von seiner Musik auch leben.

#2 Falk am 06.01.2008 gegen 21:24

Ja siehste und welche unbekannte Band kann von ihrer Musik leben? Wieso aber sollte ich dann solche Vertriebswege als nicht tauglich qualifizieren? Sicherlich gibts da *jetzt* noch keine Erfahrungswerte, sondern eher subjektive Einschätzungen. Und die sind für mich persönlich alles andere als negativ. Davon leben? Reden wir da in paar Jahren nochmal drüber :D

#3 soilworker am 08.01.2008 gegen 01:34

Was ich nicht verstehe: Warum gibt es keine Möglichkeit zum Probehören des Albums? War bei Radiohead genau das gleiche.

Ich denke, mit einem simplen Albumstream auf der Download-Seite, um sich einen Vorabeindruck zu verschaffen, sähe das Verhältnis Download-Zahlen/Käufer besser aus.

Man sollte außerdem nicht den Sammler-Effekt unterschätzen. Gibt es was kostenlos, krallen sich viele Menschen erst mal alles, selbst wenn sie dafür keine Verwendung haben. So dürfte auch hier eine nicht geringe Anzahl von Downloadern vertreten sein, die zwar das Album nun haben, es aber nicht mehr als einmal anhören.

#4 Falk am 08.01.2008 gegen 10:40

Warum gibt es keine Möglichkeit zum Probehören des Albums?

Gute Frage - denn technisch ist das ja mittlerweile absolut kein Thema mehr und einfach zu realisieren. Wobei ich jetzt keinen Zusammenhang zwischen dieser Vorhörmöglichkeit und einem besseren Verhältnis der Downloads zu den Verkäufen konstruieren mag. Ich find die 18,irgendwas Prozent schon verblüffend gut und rechne selbst eher im einstelligen Bereich bei dem Vertriebsmodell.

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