Rotersand

Falk: So, dann erzähl doch bitte mal was zur Gründung von Rotersand. Wer steht alles hinter diesem Projekt und welche Bedeutung hat der Bandname für euch, der ja meines Wissens in Bezug auf einen Leuchtturm in Bremerhaven steht?

Rasc: Das sind ja… das sind ja gleich zwei Fragen auf einmal! Rotersand sind Krischan, der schwerpunktmäßig die Produktion betreut und der Sound- und Studiomann ist und auch diesen Techno-Appeal da reinbringt, weil er von Hause aus Techno- und House-DJ ist seit ganz ganz vielen Jahren und auch selber viel veröffentlicht hat auf sehr renomierten Labels wie Radikal Fear und ach, tausend Klamotten, frag mich nicht, guck im Internet nach. Gun ist auch nicht unbedingt jemand, der so der schwarzen Szene entsprungen ist, ist so ein Multiinstrumentalist, was unserem Sound sehr zugute kommt, ist so seine klassische Ausbildung, ich glaub das hört man so bei ein paar Tracks, die wir haben, und war auch viele viele Jahre als Produzent unterwegs in Hamburg und in München und hat, ach auch schon mit x Leuten die man so kennt zusammen gearbeitet: Moloko, Daniel Klein, Boris Dlugosch und so, die ganze Hamburger Dance-Szene auch so. Ja ich bin ein alter EBM-Kopp, wie man so weiß, in den 80ern sozialisiert musikalisch, und daran hat sich relativ wenig geändert. Also ich mag sehr sehr, teile mit Krischan vor allem die Liebe zu zeitgenössischer Techno-Elektro-Musik, aber groß geworden bin ich in den 80ern, was man letztlich an jeder Note, die ich so von mir gebe, auch merkt, glaube ich. Die zweite Frage war die nach dem Titel. Ja, wie du schon gesagt hast, der Ursprung liegt tatsächlich, der Namensgeber ist dieser wunderschöne alte Leuchtturm in der Wesermündung weit draußen in der Nordsee, so ein Jahrhundertwendebauwerk, wunderschöner alter Jugendstil-Stahlzylinder, der weit draußen im Meer dort steht. Ich hab `ne Fernsehdokumentation gesehen, so `ne alte Schwarzweiß-Dokumentation über diesen Leuchtturm und über das Leben, als er noch wirklich in Betrieb war und bemannt war, über das Leben der Leuchtturmwärter auf dem Leuchtturm, und dann so die wettergegerbten Gesichter der alten Männer, die dann über Einsamkeit da weit draußen im Meer sprachen und gleichzeitig über dieses schöne erhabene Gefühl, da draußen zu sein, zwar völlig alleine und manchmal unerträglich alleine, aber gleichzeitig diesen weiten Blick zu haben und so dieses Gefühl oder in dem Bewußtsein zu leben, so den Schiffen den Weg zu weisen, und dann so Wind und Wetter und diesen knallenden Wellen ausgesetzt, also das war eine unglaubliche Athmosphäre. Und die Art und Weise, wie der Sprecher dieser Dokumentation immer “Rotersand” gesagt hat, fand ich sehr sehr beeindruckend, so daß ich sehr schnell dabei war, ey, wir müssen - unsere neue Kapelle, die müssen wir so nennen, das ist ein super Name. Dann begab es sich aber, daß - Krischan war damals noch nicht so involviert, es waren vor allem ich und Gun in den ganz ganz frühen Wochen und Monaten, und Gun fand den Namen scheiße, fand ihn total blöd, und dann haben wir viel hin und her diskutiert, und ich war aber sehr überzeugt, wollte unbedingt, daß die Kapelle so heißt. Dann bin ich ganz schwer krank geworden und hatte einen Blinddarmdurchbruch und war halb tot und bin dann ins Krankenhaus gekommen, und auf dem Zimmer, wo ich dann eingeliefert wurde und wieder gesund war, hing ein Gemälde an der Wand, und das hängt jetzt hier bei uns auch, kannst du gleich mal da vorne gucken um die Ecke, und das war ein Bild von diesem Leuchtturm “Rotersand”. Und ja, Stella hat dann sofort Gun angerufen und gesagt, tja, ihr müßt die Band jetzt so nennen, wenn der Rasci da lebend rauskommt, dann ist das ein Zeichen! Es gibt keinen anderen Namen als den, das kann ja kaum sein anders! Und das war Gun dann auch sehr schnell klar, und ich glaube, mittlerweile liebt er diesen Namen. Für ihn war das erst so ein Nordseeküsten-Klaus und Klaus-Name, und das ist natürlich damit verbunden auch, aber nicht für mich, also ich hab durch vielleicht diese Dokumentation, durch eine andere Art der Auseinandersetzung damit hatte ich das nie als so Heimatkunde-Nordsee-Shantychor-Namen empfunden, sondern als etwas ja fast industrielles und ein sehr inspirierendes Bild, ich meine so ein Stahlzylinder da draußen im Meer, allem Wind und Wetter ausgesetzt steht er da einsam, gleichzeitig mit ganz weitem Blick. Wenn man weit gucken kann, kann man manchmal auch sich alleine fühlen, finde ich. Also da sind so viele Bilder drin, so viele Stimmungen, von denen wir glaube ich noch sehr sehr lange zehren können. Also ich glaube, wenn uns nichts mehr einfällt musikalisch, dann wird es spätestens höchste Zeit, da auch mal hinzufahren und selber da mal ein paar Tage drauf zu verbringen, was möglich ist, man kann da Urlaub machen. Ich hatte jetzt auch schonmal versucht für nächsten Sommer, mal gucken, ob´s klappt.

Falk: Ja wenn wir gerade beim Musikalischen sind, eure Songs bzw. eure Musik ist ja nun sehr vielfältig. Wovon seid ihr inspiriert bzw. habt ihr in irgendeiner Form Vorbilder?

Rasc: Musiker bewundern immer Musiker. Für mich ist das gesanglich, da ich bei Rotersand ja auch die Funktion habe, der Sänger zu sein, anders als damals bei TFS, wo ich auch gesungen habe, aber ja nicht der hauptamtliche Sänger war. Meine gesanglichen Vorbilder: Peter Murphy, David Bowie, manchmal auch Andrew Eldritch, weil so weit komme ich nicht runter. Also das ist so aus Gesangesperspektive. Natürlich musikalisch viel 80er, ich bin mit Skinny Puppy und Front 242 groß geworden, und Fad Gadget und so den ganzen Kram, was du glaub´ ich auch gut kennst, habe dann aber Anfang der 90er, als ich dann auch - da hatte ich bei Rough Trade gearbeitet, da hatten wir Warp Records lizensiert, und dann bin ich in einen ganz anderen Sound gekommen und hab dann so R & F Records, Warp, LFO, Nightmares On Wax und so was da alles an großartigen Sachen rauskam, die ich auch sehr geliebt habe und auch immer noch sehr sehr viel höre, und dieses ganze Detroit-Techno-Zeugs und so ein Kram. Auch Charts, also ich höre auch gerne Pop. Krischan ist eindeutig mit Techno groß geworden und hat ein Riesenarchiv da wo auch das Studio ist, wo er auch wohnt, da gibt es ein Zimmer, er hat so ein DJ-Zimmer mit nur Platten, meistens nur Maxi´s, und das ist wie ein Steinbruch, da sind wir viel, hören viel, gucken viel, hey, wo könnte man mal `ne Basedrum samplen. Das ist ein Riesenarchiv, wenn du so willst, wo wir sehr viel Zeit verbringen, uns gegenseitig Sachen vorzuspielen. Und Gun ist glaub´ ich nur glücklich, wenn er Jazz und Klassik hören kann. Also er ist richtig - er hat eine große Affinität zu Sounds, zu elektronischen Sounds, er ist ein super Synthieprogrammierer auch, also er ist ein Sounddesigner und sehr detailverliebt. Aber richtig aufgehen tut er wenn er dann so Streicherarrangements machen kann bei unseren Nummern, oder ich komme dann meistens mit eher so Kinderakkorden an zu meinen Melodien, und er macht dann sehr ausgefeilte, sehr vielschichtige Harmonien dazu. Dann ist er in seinem Element.

Falk: Wie würdet ihr denn selber eure Musik bezeichnen?

Rasc: Im weitesten Sinne natürlich elektronische Musik. Es gibt diesen Sampler, “Advanced Electronics” heißt der, wo wir mit drauf sind. In diesem Umfeld fühlen wir uns natürlich sehr sehr wohl. Also “Advanced Electronics” ist ein schöner Begriff, der das wahrscheinlich am Besten auf den Punkt bringt. Wir sind nicht stumpf einfach Techno, unsere Strukturen sind manchmal sehr kompliziert, hoffentlich nicht zu kompliziert, und trotzdem versuchen wir, es runterzubrechen und auf den Tanzboden zu bringen in den meisten Fällen. Also, uns vereint die Liebe zur Elektronik, gar keine Frage, egal ob 80er, 90er oder wo es herkommt. Elektronische Musik und da zu gucken, Sounds zu entwickeln, also den Gesamtsound zu entwickeln, möglichst viele Einflüsse organisch zu verarbeiten, das ist so unser Programm.

Falk: Ja, und dann kommen wir eigentlich auch zu den Texten. Die sind ja meist sehr kurz gehalten bei euch und trotzdem noch sehr hintergründig irgendwo. Wie beeinflußt das die Musik bzw. umgedreht, beeinflußt dann die Musik dann halt eure Texte?

Rasc: Das schaukelt sich so wechselseitig hoch, in der Tat. Es ist oft eine Kombination von Musik und Text am Anfang da, also nicht ein fertiger Text, aber ein Hook. “Merging Oceans” (Rasc singt diese Worte - Anm. d. Red.) ist dann ein Ding, was steht, und damit verbunden eine Geschichte, die man erzählen will, nämlich die Geschichte, eine wahre Geschichte von einem Seefahrer, der davon geträumt hat, durch sein bloßes Durchfahren die Ozeane der Welt miteinander zu verbinden, äh zu verschmelzen. Das war die Inspiration dazu, diese Geschichte habe ich irgendwann Sonntags morgens in der Süddeutschen gelesen, fand ich irgendwie… Und auf einmal war da “Merging Oceans” (wieder gesungen - Anm. d. Red.) und dann sehr schnell auch die Gesangsmelodie dazu mit nur Textfragmenten. Und dann ist das Stadium oft, ist die Entwicklung oft, daß ich dann mit Gun zusammen die Geschichte entwickle, also textlich. Er ist ein brillanter Worteschreiber, viel viel besser, als ich das alleine könnte, und letztlich komponiert er die Worte zusammen zu einer Geschichte und zu einem Hook, der bereits da ist. Das ist sehr oft, daß es so funktioniert. Und dann falle ich hintenrüber, wenn dann das Ergebnis fertig ist, also so ein Text, bei “Merging Oceans” nur vier Zeilen, aber da ist so viel drin, wie du sagst, so viel Geschichte mit so wenigen Worten ausgedrückt, das ist eine Kunst, und das ist Guns Metier, also ganz eindeutig, und das ist dann für denjenigen, der die Rolle des Sängers in einer Band hat, eine solche Qualität von Text singen zu können, ist ein Privileg, ist was Großartiges, nicht irgendwie so mit der schnellen Nadel gestrickte Sachen runterzusingen, sondern wirklich komponierte Wörter sind das. Das wird nicht für alle Hörer wichtig sein, aber ich denke, für ein paar Hörer wird das sehr sehr wichtig sein, und für mich und für die ganze Kapelle ist das was sehr sehr wichtiges und führt dann dazu, daß wir in der Entwicklung der Musik dann auch auf bestimmte Abschnitte im Text dann auch Rücksicht nehmen und z. B. ein Backing komplett zurückfahren, also du kannst dann nicht, bei “Fire” z. B. gibt´s dann das - “Fire” hat die zweite Strophe durchgeknallt, und irgendwann saßen wir im Studio und dachten, ey, zu diesem Text paßt nicht, daß es jetzt durchbollert, wir müssen das Backing komplett zurückfahren. Das haben wir dann auch, nur noch die Streicher stehenlassen, um die zwei Zeilen zu singen, die sehr entscheidend sind so in der Geschichte der Entwicklung, und dann entsprechend, dann haben wir Vollgas gegeben. Aber so sind die Inhalte, die wir da singen und von uns geben, sind uns sehr sehr wichtig, und manchmal muß die Musik dann auch dahinter zurückstehen.

Falk: Weil du gerade die EP “Merging Oceans” angesprochen hast, wie war denn die Resonanz der Hörer bzw. auch vielleicht bei Live-Auftritten dann die Resonanz des Publikums darauf?

Rasc: Ja, das ist… ich meine, weißt du ja, damit hatte ja niemand gerechnet, wir als allerletztes. Sowas kannst du ja auch nicht vorhersagen, daß so ein Ding so ein Clubhit dann wird und überall läuft und irgendwie auch so ein besonderer Clubhit wird. Der Ronny von Clan Of Xymox, der der auch das Gotham-Festival organisiert und DJ ist in Holland, wo wir neulich auf dem Gotham mit Rotersand gespielt haben, meint, das wäre jetzt schon eine Kultnummer, und ich meine, wenn jemand wie Ronny sagt das ist jetzt schon eine Kultnummer, irgendwie, da ist was dran, also du spürst, das ist halt eine besondere Nummer, das ist nicht so, die läuft jetzt zwei Monate und dann nie wieder, sondern das hat… die bleibt! Das ist so ein Ding, du hast selber das Gefühl, das bleibt, und es ist viel viel größer geworden durch sich selbst und durch die Dynamik und durch die DJ´s und die Leute, die drauf tanzen, und wie sie es wahrnehmen, als es mal irgendwann war. Es war irgendwann mal einfach nur ein Lied, und jetzt ist es… ja, jetzt ist es “Merging Oceans”, was so ein feststehender Begriff ein bißchen geworden ist. Ich will´s jetzt nicht zu dick machen, aber der Erfolg ist berauschend, was das angeht, und egal, ob wir jetzt in Holland spielen, in Deutschland oder in Spanien, wo wir jetzt gerade auf Tour waren, die Leute kennen es! Und das ist für so einen Newcomer wie uns, im Vorgruppenstatus, ist das großartig, wenn du irgendwo spielst, und die kennen ein-zwei deiner Nummern direkt. Das ist im Grunde deine erste Tour, die du zu dritt machst, deine ersten, allerersten Konzerte und Gehversuche, live das umzusetzen, und die Leute kennen den Song, und, ja, du agierst ganz anders, also es gibt irgendwo noch Konzerte in Ecken von Deutschland, wo das nicht so bekannt ist, und dann agierst du auf der Bühne ganz anders, als wenn es bekannt ist, das macht viel viel mehr Spaß natürlich.

Falk: Weil du gerade die Live-Auftritte ansprichst, wo kann man euch denn in nächster Zukunft dann eigentlich sehen? Gibt´s da ein paar Termine, die du mir nennen kannst?

Rasc: Ja, ja, gibt´s: Hier in Köln jetzt am 07.11. in der Essigfabrik sind wir mit dabei, und ähm… müßte ich jetzt rauskramen… wir sind in Jena und wir sind irgendwo in Polen und in Berlin… Auf unserer Webseite rotersand.net sind die alle verzeichnet und auch Snippets bald zu dem Album, wenn ihr das mal noch hören wollt. Ähm ja, Termine, am besten da gucken!

Falk: O.k., werden wir dann auch machen und werden wir dann wahrscheinlich auch ankündigen. Weil du gerade das Album ansprichst, ich hab es jetzt leider selber noch nicht hören können, aber steckt jetzt hinter dem Album irgendwo ein bestimmtes Konzept oder wie ist das ganze entstanden?

Rasc: Ja, Konzept ist ein bißchen zu dick, aber es ist durchgemischt weitgehend, was so unseren Clubappeal, so unsere Freude am Tanzboden nochmal ausdrücken soll. Es sind sehr viele… sehr clublastiges Material, aber es sind auch zwei Balladen darauf; eine davon ist denjenigen, die uns live beguckt haben, schon sehr bekannt, und ist auch immer so die Nummer, über die man dann hinterher spricht, sei es andere Musiker auf Festivals oder das Publikum immer wieder: Hey, diese Rührenummer, wo du Akustikgitarre gespielt hast, boa, die geht mir nicht mehr aus dem Ohr, die ist ergreifend! Also diese Ballade, “One Level Down” heißt sie, ist auch auf dem Album drauf. Ich persönlich finde die live fast stärker, das darf man ja nicht sagen irgendwie auf Plattenveröffentlichungen, aber die hat live… ich finde es schweineschwer, eine Ballade studiomäßig vernünftig rüberzubringen. Es gab da jetzt welche, die es live lieben und sagen, daß sie es studiomäßig so erwartet haben und es adäquat umgesetzt ist. Ich persönlich finde es live stärker und würde mir wünschen, daß man das… man singt irgendwie… der Gesang ist intensiver live, es ist… ich weiß auch nicht, ich finde live macht die mehr Spaß, als sie jetzt auf dem Album zu hören, aber ich denke, daß es trotzdem gut rüberkommt, daß es ein sehr schönes, sehr tiefes Lied ist. War das deine Frage eigentlich?

Falk: Ich denke schon.

Rasc: Ja gut, sehr clubmäßig. Die Themen, was uns beschäftigt auf dem Album inhaltlich, also das sind manchmal so momentane Inspirationen wie bei “Merging Oceans” und der kleinen Geschichte, es gibt sehr persönliche Sachen, manchmal Angstszenarien oder persönliche Erlebnisse, es gibt so eine Auseinandersetzung, es gibt so ein bißchen Medienkritik, weil wir uns… gerade in so einer Phase, als das mit dem Irak-Krieg war jetzt, was ja immer noch sehr sehr aktuell ist die Art und Weise, wie so eine Weltöffentlichkeit mit so einem Überfall umgeht, ist ja immer noch ein sehr großes Thema, so daß wir - also auch der Albumtitel “Truth Is Fanatic” hat sehr viel mit diesem Empfinden der Unerträglichkeit zu tun, wie sich Medienwirklichkeit darstellt, und wie sich Politik und Weltpolitik in den Medien verkauft und darstellt, ist einfach unerträglich. Und diese unfaßbare Borniertheit und Korrumpiertheit, die sich dann so unreflektiert in den Medien wiederfindet und darin auch nochmal verstärkt wird auf eine ganz komische Art und Weise, wenn ich so an CNN denke, also da schraubt sich so ein Zusammenhang in den Gedanken hoch, der uns schier unerträglich scheint. Ich kann kein Fernsehen mehr gucken so richtig, also Sport natürlich, ne, Fussi… aber so nachmittags kann man den Fernseher nicht einschalten, die ganzen Serien kann man sich nicht angucken, das ist alles so inhaltsleer geworden. Guck mal, “Deutschland sucht den Superstar”, es geht nicht darum, daß du was kannst wirklich jenseits von “hast ein nettes Stimmchen”, es geht nicht darum, daß du eine eigene Kunst produzierst, es geht nur noch darum, berühmt zu werden, es ist so inhaltsleer. Es ist nicht so, daß du Kunst produzierst und eine kulturelle künstlerische Entwicklung mit voran treibst mit dem, was du von dir gibst, und wenn es natürlich auch nur ganz minimal ist, wie wir das nur tun können als Musiker, aber immerhin. Aber hier geht´s nur noch darum, über eine massive Multiplikation und einen Part in der Bildzeitung, vor allem mit RTL, geht´s nur noch darum, zu casten und inhaltsleere Gesichter auf Plakate, auf Großraumplakate zu bringen, und da bin ich froh, daß wir den “Content Killer” - es gibt eine Nummer, die heißt “Content Killer”, und ich bin sehr froh, daß wir den “Content Killer” erfunden haben, weil letztlich ist das die einzige Chance: Einfach nur noch alles zu zerstören, was Medieninhalt ist, und darum löst sich die Platte bei “Content Killer” dann auch selber auf. Das ist so eine Art Inhaltterrorismus, den wir vorschlagen auf unserer Platte.

Falk: Da waren jetzt eigentlich sehr viele Themen drin, also gerade speziell Politik oder Medien. Wie seht ihr eigentlich die Möglichkeit jetzt als Band, auch irgendwo die Hörer zu beeinflußen? Oder ist das nicht vielleicht sogar letztendlich eine Gefahr, daß man als Band halt ein politisches Statement abgibt oder halt in die Richtung dann halt seine Statements abgibt?

Rasc: Also, ich glaube, ein eindeutig formuliertes Statement ist - was eine gewisse Authentizität hat, weil das ist es halt. Meinungsvielfalt ist nach wie vor etwas sehr sehr vernünftiges. Wichtig ist nur, finde ich, daß es authentisch ist, egal wie extrem dann das ist, was du vertrittst, wichtig ist erstmal, daß es eine gewisse Authentizität hat. Und die Fensterläden unserer Politiker haben alles andere als Authentizität. Darum geht es einfach nicht mehr. Nur wird sie durch Medien gerade so verstärkt, so weit von den eigentlichen Motiven abgerückt, daß es einfach eine neue Dimension hat an Lüge, die in der Welt ist. Die Referenz an Wahrheit, der Bezug auf Wahrheit, ist egal geworden, weißt du. Wahrheit birgt einen eigenen Fanatismus in sich. Es geht nicht mehr um Vielseitigkeit, es geht nicht mehr um Vielfalt, es geht nicht mehr um Meinungsvielfalt, es geht nur noch um diesen einen sinnentleerten Brei von Medienrauschen, darum geht es. Also, ich will nicht sagen, daß alle Meinungen, so extrem sie sein können, und vor allen Dingen wenn es dann um rechte Ansichten und so weiter geht, daß das etwas ist, was tolerierbar ist, aber ich glaube, daß der viel größere Feind der Menschlichkeit in diesem verlogenen, nur noch in sich selbst drehenden Medienrauschen zu finden ist. Ich glaube, daß das unser größtes Problem ist. Ein größeres Problem als extreme Meinungsausformungen auf der linken oder auf der rechten Seite. Zumindest im Moment. Ich glaube, daß von den Amerikanern für die amerikanische Regierung beispielsweise für den Weltfrieden eine viel viel größere Gefahr ausgeht als von irgendwelchen kleinen rechten Spinnersplittergruppen, die auch sehr ernst zu nehmen sind, aber nicht im Verhältnis stehen.

Falk: An der Stelle würde ich dann gerne noch ein anderes Thema aufgreifen, was mir jetzt gerade aufgefallen war. Und zwar sprachst du vorhin auch schon die Musikbranche bzw. die Musikindustrie an, die ja derzeit halt wirklich über mehrere Verluste klagt. Worin siehst du eigentlich die Gründe dafür? Also ist es jetzt wirklich nur der künstlerische Aspekt, der halt da irgendwo fehlt, oder ist es wirklich so, daß, wie es so oft vorgeschoben wird, Internettauschbörsen und solche Dinge halt dafür verantwortlich wären? Und wie gesagt, bei Endless seid ihr auf einem sehr sehr netten Underground-Label in dem Sinne, wie gestaltet sich da die Zusammenarbeit? Wieder zwei Fragen in einer, aber ich denke, da kommen wir schon zu einer Antwort…

Rasc: Also ich glaube, daß… also Endless Records macht es ja vor, mit Minimalbudgets international Bands zu pushen und in die Welt zu bringen. Rotersand ist das beste Beispiel für Endless dafür. Aus dem Nichts mit Minimalbudget, ich kann es nur nochmal sagen, bist du präsent in fünf-sechs Ländern gleichzeitig, bist plaziert und bist in der Welt. Und wenn wir jetzt irgendwo rumreisen, empfinden wir sehr viel Respekt von den anderen Musikern, von Fans, die das Material kennen, und das hat alles Endless letztlich ja koordiniert und auf den Weg gebracht. Natürlich ist es auch schweinegeile Musik, das ist dadurch total einfach… Aber ich meine, hey, Respekt! Und das mußt du erstmal machen als so ein Minilabel. Und das zeigt aber ganz genau, wie es gehen kann. Die Musikindustrie hat einfach nur einen Riesen-Wasserkopf, und Musik hat… wir wissen ja alle, daß das Produzieren oder der Wert der CD an sich nur ein ganz ganz kleiner Teil ist, und daß das Marketing und der Riesenkopf da drum herum das ist, was kostet. Internet ermöglicht, daß du deine Musik vervielfältigen kannst und unter´s Volk bringen kannst und bekannt machen kannst, wie das vorher noch nie gewesen ist. Und gerade im Aufbau von Newcomern ist das ein Traum, ist mp3 die Lösung für ganz ganz viele Probleme, und für Rotersand gibt´s nichts besseres, als daß alle Kinder in der Welt das Zeug brennen und kopieren. Uns kann nichts besseres passieren. Mit den Margen von Plattenverkäufen, ich weiß nicht wieviel zighunderttausend Platten wir verkaufen müssen, daß das mal irgendwann relevant wird, und - gut, zighunderttausend sind´s dann auch nicht, aber für uns ist es das Beste, wenn das viel gebrannt wird und viel verteilt wird. Wir möchten, daß möglichst viele Leute unsere Liebe und unsere Auffassung von elektronischer Musik teilen. Das ist in erster Linie unser Interesse. Wenn du sowas machst und davon so überzeugt bist, dann willst du, daß das möglichst viele hören, und das ist über Internet sehr sehr gut möglich. Ich glaube, daß die Kriminalisierung der Filesharer der größte Fehler war und der größte Irrtum der Musikindustrie. Das ist megabanane, das macht keinen Sinn, das so zu tun. Du wirst ein Album kaufen, du willst das haben, wenn es das wert ist. Das ist eine Frage von Pricing und Packaging. Wenn dir das Album… ich kann dir zwei Beispiele geben aus meinem kleinen doofen Leben: Ich wollte Zweiraumwohnung mal irgendwann haben, das Album. Hatte ich nicht. Ich bin zum Saturn gefahren, da war es schon zwei Jahre alt oder so. 16,99 war der Preis. Nee, hab ich nicht gekauft, nicht für 16,99, das war mir zu teuer. Zurück, zwei Kumpels gefragt, einer hatte es nicht, der zweite hatte es. Gebrannt, gehabt. Dem ersten, der es nicht hatte, aber auch haben wollte, direkt mitgebrannt. So war´s. Anders Beispiel: Goldfrapp. Ich hatte Goldfrapp “Felt Mountain” als gebrannte Kopie von irgend jemandem bekommen und immer gehört, war meine absolute Lieblingsplatte, ich hab sie schon fast durchgehört. Dann war ich in London, und du weißt, wie teuer Plattenkaufen in London ist. Dann habe ich dort eine Limited Edition angeboten bekommen für ein Schweinegeld, mit einer ganz aufwendigen, schönen Verpackung, Pappe, nett gemacht, mehr Photos, noch `ne Remixplatte mit drin in dem Ding, für endlos, also bestimmt… laß es 50-60 Mark gewesen sein, aber es war es mir wert. Obwohl ich das Hauptprodukt hatte als gebrannt, fand ich die Platte so geil, und ich wollte sie unbedingt dann auch in dieser Form, auch mit den Remixen dabei und so weiter, wollte ich sie unbedingt haben, und habe dann das Geld ausgegeben. Ich glaube, daß diese Beispiele klar machen, daß das, was du dafür bezahlst, in einem vernünftigen Wert für dich selber zu dem, was du davon hast, einfach stehen muß. Und ich wäre nicht dazu bereit, für ein Album, wo ich zwei Nummern drauf gut finde oder vielleicht sogar nur eine, dafür kaufst du dir kein Album! Und darum ist es gut, daß du erstmal was gebrannt haben kannst, um zu gucken, gefällt´s mir, oder ein paar mp3´s von einer Band hast. Ich bin der festen Überzeugung, irgendwann kaufst du es dann auch. Also wenn es das wert ist und wenn es nachhaltig wertvoll ist, dann kaufst du es auch. Und wenn nicht, dann sind wir froh, wenn die Leute draußen dann zumindest unsere Hits kennen, das was in den Clubs läuft, wenn sie unser Album langweilig oder zu teuer finden. Ich glaube, daß sich das durchsetzt; und als Band kann man ja auch clever shippen, weil wir, BWL-mäßig gesprochen, an der Wertschöpfung und an ganz vielen anderen Dingen partizipieren, und wenn du einmal so eine kritische Masse hast von Hörern, die mit dir deine Musik teilen, dann hast du ja auch noch Konzerte und ein bißchen Plattenverkäufe, Merchandise usw., hast du ja Möglichkeiten, dann schon auch dich als Künstler zu finanzieren. Aber das entscheidet der Markt, das entscheiden die Hörer, und das ist auch gut so.

Falk: Damit wären wir eigentlich schon fast am Ende. Ich würde mal sagen, das Statement lassen wir dann so stehen. Vielleicht noch ein paar Worte in eigener Sache auch an unsere Hörer von darkerradio?

Rasc: In eigener Sache? Hey, hört euch unsere Scheiße an! Entscheidet euch, ob euch das gefällt! Und wenn euch das gefällt, dann schickt uns doch mal eine Email, oder hinterlaßt uns eine Botschaft im Gästebuch. Wir freuen uns wie doof über jeden neuen Eintrag, und wenn eine Woche vergeht, und da ist kein neuer Eintrag, dann fangen wir an zu heulen. Ja, schöne Grüsse, haltet die Treue!

http://www.rotersand.net

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